Gespräche Gerd Jenzewski mit Kurt Emme, ehemaliger stellvertretender Verwaltungsleiter der Muna Lenglern, am 17. Februar 1995 und 25. März 1995.
Über Herrn Kurt Emme, geboren am 29. August 1906 in Göttingen, wusste ich, dass er während seiner früheren beruflichen Tätigkeit stellvertretender Verwaltungsleiter der ehemaligen Luftmunitionsanstalt Lenglern war. Da nach meiner Kenntnis jedoch nur wenige schriftliche Aufzeichnungen über die Aufgaben dieser ehemaligen militärischen Einrichtung bestehen, wollte ich sein Wissen abfragen, um auf diese Art und Weise ein authentisches Dokument zu erhalten.
Ich besuchte die Eheleute Emme in ihrer Wohnung in Lenglern, Fichtenweg 7. In diesem Hause, es steht noch heute im Eigentum der Bundesrepublik Deutschland und führte früher die Bezeichnung Birkenweg 7, wohnen die Eheleute Emme schon seit dem 1. Juli 1936, das heißt seit fast 60 Jahren. Sie kennen somit Lenglern und die sog. Muna in- und auswendig. Seinen Dienst trat Herr Emme am 2. September 1935 in Lenglern an.
Überraschend und erfreut war für mich, dass die Eheleute trotz ihres hohen Alters (Herr Emme ist heute 88 Jahre alt, seine Ehefrau 83) und trotz einiger körperlicher Gebrechen sich an ihre frühere Tätigkeit und an ihr früheres Leben hier in Lenglern noch bis in die Details hinein erinnern können.
Herr Emme erlernte in der Zeit von 1.4.1924 bis 1.4.1927 in Göttingen bei der Firma Getreide-Wolters den Beruf eines Kaufmannes. Seinen Eltern gehörte damals die auch heute noch sehr bekannte historische Gaststätte „Zum Schwarzen Bären“.
Das Firmengebäude der Firma Wolters stand früher auf dem Gelände, auf dem sich heute die Hauptpost beim Bahnhof befindet. Am 2. September 1935 trat er hier in Lenglern bei der Luftmunitionsanstalt als Reichsangestellter seinen Dienst in der Verwaltung an. Die Luftmunitionsanstalt Lenglern (ich bezeichne sie nachstehend nur noch mit der hier in Lenglern geläufigen Kurzbezeichnung „Muna“) stellte sich bei seinem Dienstantritt teilweise als Großbaustelle dar. Gebaut wurde die Muna in den Jahren 1934 – 1936. Die Büroräume der Kommandantur und der Verwaltung waren anfangs noch nicht nutzbar; es wurde daher auf das Bahnhofsgebäude ausgewichen.
Beim Bau der Muna Lenglern war u. a. die bekannte Firma Hoch und Tief mit eingesetzt.
Erster Kommandeur der Muna Lenglern im Jahre 1935 war der damalige Major der Luftwaffe Wustrau. Vor Übernahme dieser Funktion war Herr Wustrau Kapitänleutnant der Reserve.
Das Kommando der Muna Lenglern hatten nach Aussage meiner Gesprächspartner:
- zunächst Major (später Oberstleutnant) Wustrau,
- Oberstleutnant Kurt Scheringer,
- Oberstleutnant Giß (Hinweis: Name nicht genau bekannt)
Das Kommandeur-Haus war das Gebäude Fichtenweg 1.
Die Muna Lenglern war als militärische Einrichtung von Anfang an und insbesondere aus Sicherheitsgründen ein streng abgegrenzter Bereich. Das erkennt man u. a. auch am Kopfbogen dieser Anstalt. Herr Emme übergab mir zum Lesen zwei Zeugnisse vom 11. Mai 1943 und 20. April 1944, aus denen diese strenge Abgrenzung deutlich hervorgeht.
Die Muna Lenglern verwandte im Kopfbogen folgende Bezeichnungen:
- Luftmunitionsanstalt Lenglern 2
Lenglern
Abtlg.:…...Az.:……
- Lenglern 2, den ……
über Göttingen
Fernruf: Göttingen 28 69
Interessant ist u. a.: Die Luftmunitionsanstalt Lenglern stellte sich hier in unserem Dorf postalisch als besonderer Postbezirk mit der Nr. 2 dar.
Aufgaben der Luftmunitionsanstalt Lenglern
Die Muna Lenglern hatte die Aufgabe, Fliegerabwurfwaffen (Bomben) zu lagern, die per Bahn von außerhalb hier nach Lenglern transportiert wurde. Herr Emme wusste zu berichten, dass diese Waffen meistens aus Sömmerda angeliefert wurden. Die Muna Lenglern hatte einen eigenen Bahnanschluss. Die Übernahmestelle (das heißt die
Rampe) befand sich ungefähr dort, wo sich heute die Glasbläserei Ochs befindet. Per LKW wurden die noch nicht mit Zündern versehenen Bomben von der Bahnrampe zu den im Gelände befindlichen und getarnten Bunkern transportiert und dort eingelagert. Dies zivile Arbeitergruppe war in der Regel ca. 30 Personen stark.
Während des Krieges sind dann diese Bomben hier in Lenglern mit Zündern versehen worden. Das Material wurde dann wieder per Bahn und unter Bewachung von Personal des Landesschützenzuges zu den befohlenen Orten transportiert.
Die Montage der Bomben mit Zündern und Jericho-Gerät (das waren Heul-Einrichtungen) erfolgte unter Anleitung und Aufsicht der Feuerwerker von zivilen Kräften in den Munitionsarbeitshäusern (Hinweis: Als Feuerwerker waren hier in Lenglern u. a. tätig: Hans Pitschmann, Albrecht Müller – später mit Giesela Müller, geb. Wulf verheiratet -)
Allgemeines zum Gelände der Luftmunitionsanstalt
Die Muna Lenglern hatte eine räumlich sehr große Ausdehnung und war insgesamt eingezäunt. Allein die Einzäunung belief sich auf ca. 20 km.
Das Gelände wurde Tag und Nacht auch unter Einsatz von Hunden bewacht. Ab Kriegsbeginn war das ganze Gebiet weitestmöglich getarnt. Selbst die Straßen waren mit Tarnnetzen überdeckt. Auch sämtliche Gebäude (auch die Wohnhäuser) wurden zu Kriegsbeginn mit einer dunkelgrünen Tarnfarbe gestrichen.
Vor Kriegsbeginn oblag die Bewachung einer zivilen Wacheinrichtung, der sog. Schwarzen Wache. Heute würde man von einem zivilen Sicherheitsdienst sprechen. Die zivile/Schwarze Wache umfasste 30 – 40 Personen. Als „Schwarze Wache“ wurde dieses Personal wegen ihrer schwarzen Bekleidung bezeichnet. Das Personal hatte das Gelände ständig zu bewachen und dabei ganz bestimmte Kontrollpunkte anzulaufen; dort mussten Stechuhren betätigt werden. Diese Stechuhren waren per Kabel mit dem Wachgebäude am Haupteingang verbunden. Das wachhabende Personal konnte von dieser Stelle also jederzeit erkennen, wo sich draußen das Kontrollpersonal befand.
Jeweils mittags um 12.00 Uhr fanden bei der Hauptwache die Personal-Ablösung und die sog. Vergatterung der Soldaten mit Herausgabe der neuesten Parole statt.
Bei dem Personal der Schwarzen Wache handelte es sich meistens um ältere Männer aus Lenglern, Göttingen bzw. dem Umkreis. Ferdinand Fricke, früher wohnhaft Lenglern, Thiestraße (Vater von Anni Wegener, wohnhaft Lenglern, Thiestraße) gehörte mit zu diesem Wachpersonal; er bewachte das Eingangstor.
Zu Beginn des Krieges wurde diese sog. aufgelöst und die Aufgaben dem Landesschützenzug (das war eine militärische Einrichtung der Luftwaffe) übertragen. Die Soldaten des Landesschützenzuges rekrutierten sich aus den verschiedenen Regionen Deutschlands. Viele Soldaten stammten aus Bayern.
Personelle Ausstattung der früheren Luftmunitionsanstalt Lenglern
Ab 1935 bis zu Beginn des Krieges bestand das Personal aus:
- Einer militärischen Gruppe (12 bis 15 Personen, u. a. zwei Kraftfahrer, Geräteverwalter, Feuerwerker)
An der Spitze stand der Kommandeur; zu Beginn war es Major Wustrau. Dem militärischen Personal oblag die Aufsicht über die gesamte Muna, auch über das zivile Personal. - Der zivilen Verwaltung (zu Friedenszeiten 6 Personen, während des Krieges ca. 15 Personen).
- Dem zivilen Personal
- bis zum Kriegsbeginn war es die „Schwarze Wache“,
- ab Beginn des 2. Weltkrieges wurde diese „Schwarze Wache“ durch den Landesschützenzug abgelöst.
Die „Schwarze Wache“ und der Landesschützenzug hatten die Bewachung des Geländes als Aufgabe.
Eingesetzt waren zur Erledigung der eigentlichen Aufgaben Arbeiter. Während des Krieges waren es zu Beginn ca. 500 Personen, die sich schnell auf ca. 150 Personen reduzierten (nachdem die Aufbauarbeiten erledigt waren).
Während des Krieges wurden in der Muna Lenglern insbesondere zum Bau von Luftschutzeinrichtungen auch Kriegsgefangene aus Russland eingesetzt. Es handelte sich hierbei um ca. 100 Personen, deren Lager sich hier in Lenglern im Bereich Angerstraße/Bovender Straße befand.
Diese Gefangenen bauten u. a. den vielen Einwohnern von Lenglern noch bekannten Feuerlöschteich in der Muna und im Übrigen einen Luftschutzkeller im Garten des Gebäudes Fichtenweg 1 (dem Haus des Kommandeurs). Ein zweiter Luftschutzkeller befand sich gegenüber diesem Hause Fichtenweg 1 (heute noch zu erkennen/vorhanden).
Mein Gesprächspartner, Herr Kurt Emme, war ausweislich der ihm noch zur Verfügung stehenden Zeugnisse seit dem 2. September 1935 bis zum 20. Januar 1944 hier bei der Verwaltung der Luftmunitionsanstalt III/6 Lenglern als Angestellter und anschließend auf Wunsch des Kommandeurs und des Verwaltungsleiters als Soldat tätig, um Beamter zu werden. Während seiner 9jährigen Tätigkeit in der Verwaltung der Muna Lenglern war Herr Emme für folgende Bereiche zuständig:
- Verpflegung (Truppen- und Werkküche),
- Buchungsstelle,
- Haushalt,
- Gebührnisstelle,
- Amtskasse,
- Kantinenverwaltung.
Seit 1937 bis zu seiner Versetzung nach Lübeck im Jahre 1944 zum dortigen 4. Kampfgeschwader 26 war er stellvertretender Verwaltungsleiter der Muna Lenglern.
Interessant war für mich beim Gespräch mit Herrn Emme auch eine Aussage betreffend das damalige Lohnniveau. Ein Muna-Arbeiter erhielt seinerzeit einen Stundenlohn von 59 Pf, der Vorarbeiter einen solchen in Höhe von 62 Pf .
Zu erwähnen ist noch, dass für die Zivilisten (die alle uk-gestellt waren – sie waren für bestimmte zivilie Aufgaben also unabkömmlich) morgens und abends ein extra Zug von und nach Göttingen eingesetzt war.
Diesem Bericht sind Kopien folgender Unterlagen beigefügt:
- Fotos von Herrn Emme aus den 30er bzw. 40er Jahren,
- Foto des damaligen Kommandantur-Gebäudes (Im Untergeschoss befanden sich die Büroräume der militärischen Leitung/Kommandantur, im Obergeschoss war die Verwaltung untergebracht. Für die Verwaltung wurde im Krieg eine Baracke aufgestellt, die dann später wieder entfernt wurde).
Auch heute arbeitet in diesem Gebäude eine Verwaltung, jetzt die des Krankenhauses Weende, Abteilung Lenglern. - Ein Foto im Zusammenhang mit der Durchführung einer Ehrung (aufgenommen hinter dem früheren Kommandanturgebäude),
- Bekanntmachung der Luftmunitionsanstalt Lenglern vom 11.4.1938 betreffend die erteilten Vollmachten zur Entgegennahme von Zahlungen für die Luftmunitionsanstalt Lenglern.
Der Originaltext und Unterlagen von Gerd Jenzewski zu den Gesprächen mit Kurt Emme wurden eingescannt und können unten eingesehen werden. Mit Klick auf den einzelnen Bildern werden sie in Großform auf dem Bildschirm geöffnet.








Weitere Informationen zur Luftmunitionsanstalt Lenglern können Sie auf Relikte.com finden.
Hinterlasse einen Kommentar