Wenn die Gemeinde Lenglern im Jahre 1966 eine Tausendjahrfeier veranstaltet, so schließt sie sich dem Brauch on, die tausendste Wiederkehr des Jahres. in dem ein Ort zum ersten Male in einer Urkunde genannt wird und in das Licht der Geschichte tritt, festlich zu begehen. Diese erste urkundliche Erwähnung unseres Ortes fand am 17. Juli des Jahres 966 statt. In einer noch heute vorhandenen und im Staatsarchiv Münster aufbewahrten Urkunde schenkte Kaiser Otto der Große dem Stift Enger in Westfalen, das seine Mutter, die Königin Mathilde, gegründet hatte, einen Hof. Gleichzeitig bestätigte der Kaiser die schon vorher geschehene Übertragung von 4 Hufen (= 120 Morgen) Land aus dem Besitz der Königin an das Stift. Je eine dieser Hufen lag in Weende und in „Lenglere“, unserem heutigen Lenglern.
Die ur- und frühgeschichtliche Zeit
Das Jahr 966 ist also nicht das Gründungsjahr unseres Ortes, sondern nur der Zeitpunkt, an dem uns von seinem Vorhandensein erstmals berichtet wird. Bereits seit viel früherer Zeit siedelten Menschen hier, wie die in der Feldmark Lenglern zu Tage getretenen urgeschichtlichen Bodenfunde und Siedlungsreste beweisen. Sie reichen bis in die Jungsteinzeit und zwar ungefähr 4000-3000 Jahre v. Chr. zurück. Es sind Siedlungen der Bandkeramiker gewesen, steinzeitlicher Bauern, die diesen Namen nach den typischen Verzierungen ihrer Töpferware erhalten haben. Ihre Wohnplötze lagen vornehmlich am Elliehäuser Weg, wo sie mit verhältnismäßig fortgeschrittenem Ackerbau die fruchtbaren Lößböden bewirtschafteten. Aus der anschließenden Bronzezeit wurde ein bronzener Halsring in der Lieth, innerhalb des Gebietes der ehem. Muna, geborgen. Er stammte aus einem zerstörten Hügelgrab. Auch vom Oberen Holz bis in den Wellbusch liegen zahlreiche Hügelgräber der Bronzezeit im Wald, während Wohnplätze der damaligen Bevölkerung noch nicht nachgewiesen werden konnten. Aus der frühen Eisenzeit sind einige Gefäße zwischen der Eisenbahn und dem Eingang zum Krankenhausgelände gefunden. Sie zeigen, dass auch kurz vor Christi Geburt der Raum um Lenglern besiedelt war. Vielleicht sind ebenso die aus dem Kalktuff am Glockenborn geborgenen Scherben in diesen Zeitabschnitt zu setzen. Die Bewohner unserer Landschaft gehörten zur Bronzezeit und frühen Eisenzeit bis etwa um 400 v. Chr. zum Volk der Kelten, das dann dem langsam von Norden eindringenden Cheruskerstamm der Germanen weichen musste.
Der Name Lenglern und die Anlage des Dorfes
Die Siedlungen der Cherusker bildeten vielleicht die Keimzellen der älteren Ortschaften unseres Gebietes. Eine genaue Angabe der Gründungszeit ist zwar nicht möglich, aber die Namenforschung rechnet Ortsnamen mit bestimmten Grundwörtern zur ältesten Schicht, die etwa um Christi Geburt entstanden sind. Zu ihnen gehört auch Lenglern, dessen Name in den frühesten Urkunden Lenglere, Lengleron, Langlere genannt wird. Er enthält das Grundwort -lar, das Weide oder Weideplatz bedeutet. Zusammen mit der ersten Silbe Leng – lang vergibt sich etwa die Bedeutung: lange Weide. Mit diesem Namen bezeichneten die ersten Ansiedler die für sie wichtige Beschaffenheit des Geländes. Später ging dieser Name auf den Ort über.
Neben den Weideplätzen und dem fruchtbaren Lößboden, muss aber auch die günstige Verkehrslage für die Besiedlung einen wesentlichen Anreiz gegeben haben. Die jungsteinzeitlichen Wohnplätze westlich der Leine liegen nämlich in einer langen Reihe von Klein-Schneen über Rosdorf, Elliehausen, Lenglern, Harste und westlich Parensen, und diese Siedlungslinie entspricht wohl einem Verbindungsweg der Bandkeramiker. Diese Wegelinie war noch im frühen Mittelalter eine wichtige Verbindung zwischen den Königshöfen in Grone, Lenglern, Harste und Moringen. — Die günstige Verkehrslage hat auch in späterer Zeit die Entwicklung des Ortes begünstigt. Der von der Pfalz Grona kommende Königsweg verlief in einem großen Bogen ostwärts der heutigen Landstraße auf Lenglern zu und führte weiter nach Harste. Auf der Fortsetzung dieser Straße über Lenglern und Adelebsen reisten im Mittelalter die Kaiser, wenn sie von Grona aus Paderborn und die Pfalzen am Niederrhein besuchten. Ferner ist noch die von Münden über die Dransfelder Hochfläche und Esebeck verlaufende Heerstraße zu nennen, die den Kuhberg und die 1458/60 angelegte Backenbergswarte berührte und durch die Lenglerner Gemarkung über den Sattel zwischen Großem und Kleinem Kramberg nach Harste gelangte. Dort teilte sie sich dann in je eine Strecke nach Moringen und nach Nörten. Ein Stück dieser sog. Harster Heerstraße zweigte bei Esebeck ab, führte an Emmenhausen vorbei und erreichte über den Galgenberg Harste. Diese Straße erhielt besondere Bedeutung, als auf ihr 1640 die erste hannoversche Post von Hannover nach Kassel eingerichtet wurde. Ihr verdankt auch der Wellbrückenkrug seine Entstehung und seinen Namen, denn hier überquerte sie die Harste mit einer „Brücke“ aus Holzwellen. Der Wellbrückenkrug ist um 1740 gegründet und gehört seitdem zur Gemeinde Lenglern.
Für die Anlage der Höfe fanden die Gründer des heutigen Lenglern den besten Baugrund auf den mächtigen Kalktuffbänken (Duckstein), die von den Mergelkuhlen bis über die Mittelstraße hinaus den Talgrund ausfüllen. Die gleichfalls hier entspringenden Quellen (Glockenborn, Gatzenborn, Hakenborn) spendeten das notwendige Trinkwasser in günstiger Nähe. So wurde je ein Hof am Gatzenborn und Hakenborn angelegt. Die früher gebräuchliche Bezeichnung „Hegemeier“ für den Inhaber des Hakenbornhofes deutet wohl auf die ursprüngliche Umhegung dieser Hofstelle hin. „Ihre Anlage dürfte in die Frühzeit der germanischen Landnahme fallen und auf die genossenschaftliche Besiedlung einer cheruskerischen Großfamilie zurückgehen“ (Steinmetz S. 32).
Das Weidegelände im Tal und die auch zur Schweinemast genutzten Eichen- und Buchenwälder des Oberen Holzes und der Lieth, sowie wenige Äcker bildeten die Wirtschaftsfläche der Cheruskersiedlung. Die Äcker lagen auf dem schon in der Jungsteinzeit genutzten und noch heute ertragreichem Lößgebiet südlich des Ortes und wurden mit Weizen, Emmer und Sommergerste bestellt. In der altsächsischen Zeit vergrößerte sich die kleine Ansiedlung durch Teilung der ersten Höfe und Anlage neuer Hofstellen. Mit dem Wachsen des Ortes War auch die Erweiterung der Anbaufläche erforderlich geworden. Dazu nahm man die weniger guten Lagen und Böden in Anspruch, die zuvor mit Axt und Brand gerodet wurden. Die Flurnamen Auf dem Rode, Gebrannte Eichen, Heißer Busch, Stockau usw. deuten auf diese Vorgänge hin. Mit den Veränderungen im Flurbild hing auch die Verbesserung der Ackerwirtschaft eng zusammen. An die Stelle der ungeregelten Körnerfolge trat die Dreifelderwirtschaft mit ihrem wiederkehrenden Wechsel von Sommerfrucht, Winterfrucht und Brache. Die gesamte Feldflur gliederte sich somit in drei Großfelder (Hölter Feld, Oberes Feld und Harster Feld), die wiederum in einzelne Gewanne aufgeteilt waren. Die Anteile der einzelnen Grundbesitzer lagen in den Gewannen streifenförmig nebeneinander.
Die Vorfahren des Kaisers Otto des Großen hatten beträchtlichen Landbesitz in Vielen Orten des Leinegaues erworben. Der Mittelpunkt des 966 und 990 in Urkunden genannten Königsgutes in Lenglern War der „Burgsitzhof“, von dem aus das Land des Königs und Kaisers verwaltet wurde. Er hat wohl in besonders engen Beziehungen zur nahegelegenen Pfalz Grona gestanden und ist zur Versorgung des Königs und seines Gefolges herangezogen worden, wenn er auf der Pfalz weilte. Dieser Hof (heute Tiestraße 8) ist durch seine Lage am Wasser und seine große Hofstelle gekennzeichnet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Tränke hier nicht nur der Wasserversorgung sondern auch dem Schutz des Hofes diente.
Mit dem Burgsitzhof steht auch die Ansiedlung der ersten Köter oder Kötner im Zusammenhang, die als Handdienstpflichtige für dessen Bewirtschaftung erforderlich waren. Sie erhielten an dem alten Kulturland kaum noch Anteil, sondern waren auf die dürftigen Gesteinsböden westlich des Dorfes und auf neue Rodungen an den Randlagen angewiesen. Ihre Hofstellen lagen an der Langen Straße und am Graseweg, meistens aber schon nicht mehr so günstig zum Wasser, so dass sie besondere Zugänge zur Tränke sog. Triften oder Tränkewege für das Vieh erhielten.
Vor der Bebauung des Graseweges muss schon jener ältere Friedhof aufgegeben worden sein, von dem des öfteren Gräber aufgefunden sind. Sie liegen unter der Straße und im Bereich der benachbarten Höfe und Flurstücke (u. a. Flurname: Dodenbreite). Über das Alter des Friedhofs lassen sich bisher keine Angaben machen, weil in den Gräbern keine Beigaben gefunden wurden.
Aus der mittelalterlichen Kirchengeschichte
Den Anlass zur Gründung der Lenglerner Martinskirche hat wahrscheinlich der Burgsitzhof gegeben. Zur geistlichen Versorgung seiner Bewohner und der zugehörigen Kötner ist sie in dessen Nähe, zunächst wohl als Hofkapelle errichtet worden. Das Martinspatrozinium ist mit dem des Erzpriestersitzes Nörten, zu dem Lenglern gehörte, gleich und lässt auf eine frühe, möglicherweise „auf den letzten Sachsenkaiser Heinrich Il. zurückgehende Gründung schließen“ (Steinmetz S. 25). Das Kapitel der Nörtener Kirche hatte 1418 drei Vorwerke in Lenglern, und es ist deshalb auch möglich, dass die Lenglerner Kirche von Nörten aus gegründet und -dem Titelheiligen der Mutterkirche geweiht ist. Neben der Kirche des Oberdorfes gab es noch eine Kirche im Unterdorf, die an der Niederen Kirchstraße zwischen den Häusern Nr. 4 und 8 lag. Sie war dem Heiligen Laurentius geweiht. Das Patronatsrecht soll das St. Blasienkloster in Northeim gehabt haben. Von den alten Kirchen sind nur zwei Inschriftsteine der unteren Kirche auf uns gekommen. Sie Sind nach ihrem vor 1780 erfolgten Abbruch neben dem Turmportal der damals neu erbauten oberen Kirche eingesetzt worden. Die Inschriften berichten über die Anlage eines Chores im Jahre 1515 und nennen die Patronatsheiligen St. Laurentius und St. Ebba, sowie die Namen des damaligen Pfarrers, der Kirchenältesten und des Opfermanns. Im Jahre 1443 wurde die Margarethenkapelle in Holtensen von der Lenglerner Kirche abgetrennt und zur selbständigen Pfarrkirche erhoben. Nach der Reformation, die in unseren Dörfern um das Jahr 1542 einzog, hat man den Lenglerner Pastoren die Versorgung der Gemeinde Holtensen wieder übertragen.
Der Grundbesitz
Die Bauern blieben im Mittelalter nicht im freien Besitz ihrer Höfe, Äcker, Weiden und Wälder. Schon früh hatten mächtige Adelsgeschlechter Grund und Boden erworben. Davon erfahren wir in Lenglern erstmals durch jene Kaiserurkunde von 966. Hier war es der Besitz eines der sächsischen Adelsgeschlechter unter den Vorfahren Otto des Großen. Mit dem Erstarken der Landesherrschaft, besonders unter Heinrich dem Löwen, wurden die Bauern mehr und mehr von den Herzögen abhängig. Der Herzöge behaupteten, ein Obereigentum an Grund und Boden zu haben und zogen die Landbevölkerung zu Straßenbauten usw. heran. Schließlich erwarben auch andere Herren Landbesitz, den sie nun wiederum, wie die Herzöge, an andere Personen verlehnten, so dass die uns zahlreich überlieferten Lehnsurkunden ein buntscheckiges und oft unklares Bild der Besitzverhältnisse in Lenglern geben. In dem ältesten erhaltenen Gesamtverzeichnis von 1418 sind folgende Grundherren und Lehnsinhaber aufgeführt: Der Landesherzog, das Kapitel zu Nörten, das Kloster Pöhlde und die adeligen Familien v. Plesse, v. Adelebsen, v. Uslar und v. Bodenhausen, ferner mehrere Göttinger Bürger, zumeist Ratsherren. Die Größe der Besitzanteile gibt eine aus dem Jahre 1464/65 erhaltene Liste mit 64 Hufen an. Möglicherweise ist sie nicht vollständig, denn die umfangreichen Ländereien der Herren von Plesse sind nicht namentlich aufgeführt. Vielleicht verstecken sie sich hinter einigen anderen Namen oder fehlen ganz in dieser Aufstellung. Von den genannten Grundbesitzern haben der Herzog und das Stift Nörten mit je 6 Hufen und die Göttinger Ratsfamilien mit zusammen 18,5 Hufen die größten Anteile. Dagegen hatten die Bauern in Lenglern nur geringen Eigenbesitz.
Der Landerwerb der Ratsherren in Lenglern und anderen Dörfern entsprang dem Bestreben der Stadt, im ländlichen Vorfeld verstärkten Einfluss zu gewinnen. Die zum Schutz des städtischen Grundbesitzes angelegten Warten und Landwehren berührten auch Lenglern an der Grenze nach Esebeck und bezogen eine ältere Wallburg im Balzer Busch mit ein. An der Langen Reke wurde 1458/60 ein Wartturm, die sog. Backenbergswarte gebaut, von der heute nur noch ein geringer Steinhügel übriggeblieben ist. Im Jahre 1500 legte der Herzog das Gericht auf dem Leineberge an den „bome to Lengelern“, aber Göttingen verbot seinen Bürgern, vor diesem Gericht zu erscheinen. Als der Herzog darauf Zollhäuser in Weende und Lenglern errichten ließ, um die Stadt zu kontrollieren, zerstörten die Göttinger die Zollhäuser. Die Gegenmaßnahmen des Herzogs bekamen außer den Göttinger Grundbesitzern auch die Bauern in Lenglern zu spüren: Der Herzog ließ die Harste am Kleinen Kramberg aufstauen, überflutete einen Teil der städtischen Ländereien und verwandelte sie in einen Fischteich. Erst in einem Vergleich von 1512 versprach der Herzog, den „Lenglerer Teich“ zu beseitigen.
An der beschriebenen Besitzverteilung änderte sich in der folgenden Zeit kaum etwas. Nach dem Erbregister, das vom Amt Harste 1655 aufgestellt wurde, waren lediglich noch einige andere adelige Familien mehr beteiligt. Für den Plesser Besitz trat jetzt der Landgraf von Hessen auf, an den durch das Aussterben der Herren v. Plesse, deren ganzer Besitz gefallen war. Auch die Göttinger sind weiterhin am Grundbesitz beteiligt. Der Anteil der Bauern wird mit rund 100 Morgen Eigenland und 40 Morgen Rodland angegeben. Unter ihnen liegen Cersten Clages mit zusammen 17 Morgen und Ostwald Fricke mit 18 Morgen an der Spitze. Durch die oft jahrhundertelange Zugehörigkeit wurden vielen Ackerstücken die Namen der betreffenden Lehnsherren aufgeprägt. Sie sind aber zum größten Teil bei der Verkopplung verschwunden. Nur wenige sind heute noch bekannt, z.B. die Richelmsche Hecke und die Bassenköpfe (Goethestraße), beide nach Göttinger Ratsfamilien benannt.
Auf neue Rodungen nach dem Dreißigjährigen Krieg scheint die Höfeliste von 1777 hinzudeuten. Sie verzeichnet 507 Morgen Meierland der Lehnsherren und 1309 3/4 Morgen Erbland und 45 Morgen Erbwiesen in bäuerlichem Besitz. In die Hände der Bauern kam der Grundbesitz vollends erst durch die Ablösung im 19. Jahrhundert, auf die später noch eingegangen wird.
Landwirtschaft, Real- und Wohngemeinde
Nachdem die Grundherren etwa um 1200 das Fronhofsystem als Bewirtschaftungsform ihres Besitzes aufgegeben hatten, setzen sie „Meier“ für die Verwaltung ihrer Ländereien ein. Sie übernahmen das Meierland auf Pacht. Zu einem Vollmeierhof gehörten in der Regel 4 Hufen. In Lenglern werden 1655 neben dem Herrenhof (Burgsitzhof) nur Halbmeier genannt, das sind Höfe zu 2 Hufen. Die Pachthöhe wird zwischen 1/2 und 1/3 des Ertrages gelegen haben.
Die Höfe waren vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert neben der Pacht mit Diensten, Abgaben, Steuern und Zehnten belastet. Die Meier Waren mit Gespann und die Kötner mit der Hand zur Verrichtung bestimmter Arbeiten auf dem Amtshof in Harste und dessen Länderei verpflichtet. 1655 dienten von Lenglern 6 Gespanne. Weil aber noch 2 Höfe abgebrannt und keine Meier vorhanden waren, zahlten diejenigen Kötner, die von ihren Höfen aus das Meierland bewirtschafteten, ein Dienstgeld, da sie keine Pferde hatten. Drei weitere Bauern mussten Fuhren nach Göttingen leisten und die gedroschene Zehntfrucht von Lenglern nach Harste fahren.
Die 27 Vollkötner dienten 1 Tag pro Woche, 5 Halbkötner die Hälfte. Mehrere Kötnerstellen lagen vom Dreißigiährigen Krieg her noch wüst. Im Jahre 1772 wurden die Dienste neu geregelt. Das Dorf Lenglern stellte nun 7 Gespanne, die wöchentlich einen Tag von 6-18 Uhr mit Fuhrmann und einem Gehilfen Dienst leisten mussten. Die Fuhrpflicht erstreckte sich auf Korn-, Heu-, Holz- und Baumaterialtransporte; zur Pflügepflicht gehörte das Pflügen und Eggen von 209 Morgen Ackerland in den Harster Feldern. Die Vollkörner mussten an 61 Tagen im Jahr Getreide und Gras mähen, den Flachs ernten und brechen, Holz schlagen, Zäune anfertigen, Schafe scheren usw. Außer den Diensten wurden von den Häusern, von Mensch und Vieh, Abgaben und Steuern in Form von Erbenzins, Rauchhühnern, Besthaupt, Schatz und Kopfsteuer gefordert. Später erhob man die Kontribution, von der hauptsächlich das Heer unterhalten wurde. Der Zehnte war ursprünglich als Einkommen der Kirche eingeführt. Er befand sich jedoch später häufig in den Händen weltlicher Herren. Die Zehntpflicht bedeutete für die Bauern eine große Behinderung beim Einbringen der Ernte, denn erst wenn der Zehntsammler den Zehntanteil abgezählt hatte, konnte eingefahren werden.
Bereits 1585 werden in der Musterungsrolle unter den 41 Kötnern 12 Leineweber, 5 Schneider, 1 Schmied, 1 Fenstermacher und 1 Drescher genannt. Dies zeigt, dass nicht alle Kötner von ihren geringen Anteilen an der landwirtschaftlichen Nutzfläche leben konnten und einer gewerblichen Nebenbeschäftigung nachgehen mussten. In der Kopfsteuerbeschreibung des Jahres 1689 werden dann neben den Kötnern auch sog. Brinksitzer aufgeführt. Das sind Anbauer, die sich in der Nähe und zwischen den Höfen der Kötner und auch am Rand der bisherigen Siedlungsfläche niederließen. Entsprechend ihrer späten Ansiedlung hatten sie nur sehr geringe oder gar keine Ackeranteile mehr, so dass sie nun hauptberuflich die verschiedensten Gewerbe ausüben mussten.
An den Weiden und an der Holznutzung waren die neuen Anbauer zunächst noch beteiligt. Dies führte aber in der Folge zu Spannungen mit der Bauernschaft, die fürchtete, mit der wachsenden Zahl der Berechtigten kein Auskommen mit ihren zunehmend kleiner werdenden Anteilen zu haben. So beschränkte man die Reiheberechtigten an Wald und Weide auf eine wirtschaftlich vertretbare Zahl, schloss die Reihe und gründete die sog. Realgemeinde, die fortan die Trägerin des alten Genossenschaftsrechtes war. Die ursprüngliche Dorfgemeinde war so in Real- und Wohngemeinde gespalten. Als in der Verkopplung Änger und Weiden aufgeteilt wurden, blieb der Realgemeinde im Wesentlichen nur noch die Holzberechtigung.
Kriegszeiten und Schicksalsschläge
Einen starken Rückschlag in der Entwicklung des Ortes, der zugleich mit schweren Leiden der Bevölkerung verbunden war, brachte der Dreißigjährige Krieg. Er begann sich ab 1623 in unserer Landschaft durch Plünderungen in Haus und Hof, an Korn und Vieh, die von den durchziehenden Truppen verursacht wurden, auszuwirken. Tillys Soldaten steckten Lenglern am 20. Februar und am 8. und 9. März 1627 in Brand. Unter den abgebrannten Gebäuden befand sich auch das Pfarrhaus, so dass der Pfarrer Witzenhausen bei seinem Amtsantritt 1627 in einem Hause im unteren Dorf wohnen musste. Über das ganze Ausmaß der Schäden sind wir leider nicht unterrichtet. Auch für die noch folgenden Jahre des Krieges ist kaum etwas stichhaltiges überliefert. Dagegen ist aktenmäßig zu belegen, dass das benachbarte Harste noch zahlreiche Plünderungen und Brandschatzungen erlitten hat, die sicher auch in ähnlicher Weise Lenglern betroffen haben. Mit dem Wiederaufbau hatte man schon kurz nach dem Brand begonnen, wie das erhaltene Holzbuch der Realgemeinde zeigt, in dem ab 1629 das zu jedem Neubau gelieferte Bauholz aufgezeichnet ist. Trotzdem nennt das Erbregister 1655 noch 31 Brandstätten oder wüste Höfe. Für den vollständigen Aufbau bestand wohl auch wegen der stark gesunkenen Bevölkerungszahl wenig Veranlassung. So erklärt es sich, dass selbst 1730 noch 14 unbebaute Hausstellen im Dorf vorhanden waren.
Vom Siebenjährigen Krieg scheint Lenglern zunächst verschont geblieben zu sein, denn für mehrere Dörfer, unter denen auch unser Ort war, stellte 1757 der Herzog von Richelieu, General des französischen Heeres in Deutschland, einen Schutzbrief aus. Als Gegenleistung mussten allerdings täglich jedem Reiter 3 Franken und jedem Soldaten 40 Sols gezahlt werden. Als sie aber auf dem Rückzug waren, plünderten und ruinierten die Franzosen die Felder um Harste. Wegen Mangel an Pferden und Saatgut konnten sie 1760 nicht vollständig bestellt werden.
Noch ein anderes Ereignis hat später die Lenglerner Bauern hart getroffen: Am 16. Juli 1830 vernichtete nach wochenlanger Dürre ein schweres Hagelwetter die gesamte Ernte. Bis heute wird seitdem in der Kirche in Lenglern alljährlich zu diesem Tag ein Bittgottesdienst, die „Hagelfeier“ gehalten.
Lenglerner Familien, Einwohnerzahlen
Vom Beginn der ersten Ansiedlung bis in die Gegenwart haben zahlreiche Generationen und Geschlechter die Last der Kultivierung, die Krisen der Wirtschaft und die Schläge des Schicksals getragen, aber auch glückliche Zeiten verlebt. Zu den ältesten uns überlieferten Familiennamen, die heute noch in Lenglern vorkommen, zählen Klages, Ahlborn, von Böventer und Friedrichs. Ein Berthold Klages wird schon 1399 genannt. Der Name leitet sich von Klaus ab und wird in den älteren Urkunden Clawes, Clags geschrieben. Zahlreiche Flurnamen und Hofbezeichnungen, heute leider meist nicht mehr unter den Einwohnern bekannt, gehen auf dieses Geschlecht zurück. Tile Clawes zählt 1418 zu den größten Bauern des Dorfes, und 1655 hat Cersten Clages nicht nur den größten Eigenbesitz (s.o.), sondern beackert insgesamt 5 Hufen Land, während die nächsten Bauern erst mit 2,5 Hufen folgen. Das Geschlecht tritt bereits 1418 mit mehreren Linien in Erscheinung, die durch die Jahrhunderte bis zur Gegenwart immer wieder, auch in leitenden Stellungen, genannt werden. Die Bezeichnung „Gatzemann“ für die Klages auf dem Gatzenbornhof ist schon seit 150 Jahren geläufig.
Das Geschlecht Ahlborn wird 1418 zum ersten Male in Lenglern erwähnt. Der Name leitet sich vielleicht von einer der alten Quellen ab. Die Ahlborns verbreiteten sich in zahlreichen Linien und stellen heute den am meisten vorkommenden Familiennamen in Lenglern. Bereits 1550 werden 10 Haushalte dieses Namens aufgeführt. Seit 1655 lassen sich mit Sicherheit für einige Zweige des Geschlechts Beinamen feststellen, durch die man versuchte, die große Schar Ahlborns besser übersehen zu können. Möglicherweise stecken sie aber schon in den Listen von 1550 oder 1585 hinter den erst später unzweifelhaft als Beinamen geführten Bezeichnungen: Jürgen, Marcus oder Marks und Leveken. Ein Sippenverband Ahlborn wurde 1957 in Lenglern gegründet. Er umfasst auch die in allen Teilen Deutschlands und in Übersee verbreiteten Angehörigen des Geschlechts.
Träger der Familiennamen von Böventer (früher von Boventen) und Friederichs werden ebenfalls schon 1418 aufgeführt. Friedrichs sind 1550 mit 5 und von Böventer mit 3 Haushaltungen vertreten.
Außer Klages, Ahlborn, von Böventer und Friedrichs sind seit mindestens 300 Jahren folgende Familiennamen in Lenglern heimisch und begegnen uns in den Einwohnerlisten von 1550, 1586 und 1655: Molthan 1550, Fricke 1655, Hoffmeister 1655 und König 1655. Hartwig, seit 1550 genannt, ist heute nur noch als Geburtsname von Lenglerner Ehefrauen vorhanden.
Die Einwohnerzahlen der Jahre 1550 bis 1885 zeigen Aufstieg und Rückschläge der Dorfentwicklung: 1550: 149 erwachsene Einwohner und 52 Haushalte, 1655: ca. 50 Familien, 1689: 299 Einwohner, 1780: 476 Einwohner, 1821: 502 Einwohner, 1848: 688 Einwohner, 1885: 657 Einwohner.
Der Neubau der Martinskirche
Die noch aus dem Mittelalter stammenden Kirchen waren schließlich so baufällig geworden, dass man die Laurentiuskirche ab 1728 nicht mehr benutzen konnte. Auch für die Martinskirche lohnte sich keine Erneuerung mehr, sie wurde deshalb 1754 abgebrochen. Der Gottesdienst fand in einer Scheune statt, und die Glocken erhielten ihren Platz auf dem Tie. Nach 26 Jahren begann man mit einem Neubau nach dem Entwurf und unter der Leitung des Pastors Stolberg aus Obernjesa. Obwohl nach dem Urteil des damaligen Amtmanns die Gemeinde Lenglern „die bei weitem wohlhabendste“ im Amte Harste war, weigerten sich doch die meisten Gemeindemitglieder, die gesetzlichen Zuschüsse zum Kirchenbau zu leisten. Die Hartnäckigsten bequemten sich erst zur Zahlung, als ihnen mit dem „Hundeloch“ (Gefängnis) gedroht war. Die Hauptkosten des Baues, die mit 2100 Talern veranschlagt waren, trug die Kirche. Die Lenglerner Ackerleute leisteten dazu insgesamt 450 Tage Spanndienste und die Kötner 1730 Tage Handdienste. Die Kirche wurde entgegen der üblichen Anordnung von Nord nach Süd ausgerichtet. Ihr Inneres sollte nach der Auffassung der damaligen Zeit vor allem predigtraum sein. Darum nimmt die Kanzel über dem Altar einen zentralen Platz ein. Auch die Altarwand hat Pastor Stollberg entworfen. Die Bildhauerarbeiten fertigte Heinr. Christ. Schrader Göttingen an. Die feierliche Einweihung der Kirche fand am 4. Juli 1784 statt. Gegenüber dem Kanzelaltar wurde 1795 eine Orgel gebaut, deren Anschaffung besonders durch eine Stiftung der Sophie Christine Klages möglich geworden war. Diese Orgel, von Stephan Heeren aus Gottsbühren erbaut, ist ein gutes Werk ihrer Zeit und steht heute unter Denkmalsschutz. In die Turmwand wurden die oben schon genannten Inschriftsteine der unteren Kirche eingemauert. Die Inschrift über dem Hauptportal an der Ostseite nennt die Namen der am Neubau beteiligten Kirchenkommissare und des Pastors Baring und zitiert den Spruch: Siehe da, eine Hütte Gottes bei den Menschen; Offenb. 21,3.
Aus der Schulgeschichte
Die Gründung der Schule geht auf eine Empfehlung der Kirchenvisitatoren aus dem Jahre 1588 zurück. Weil für jede Kirche ein Küster vorhanden war, regten sie an, statt des einen Küsters einen Schulmeister anzustellen. Aus der folgenden Zeit ist nichts über den Unterricht überliefert. Er wird nach den 1650 und 1681 erlassenen Schulordnungen auch in Lenglern hauptsächlich aus Lesen und Katechismusunterricht bestanden hoben. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wird der Schreib- und Rechenunterricht allgemein eingeführt. Ein Schulhaus Wird nicht vorhanden gewesen sein, die Lehrer unterrichteten die Kinder meist in ihrer Wohnung. Erst 1752 wurde eine Schule gebaut (heute Tiestraße Nr. 1), die gleichzeitig Wohnung, Stall und Scheune des Lehrers, Küsters und Organisten enthielt. Eine „Industrieschule“ wurde im Jahre 1790 nach dem Muster der berühmten Göttinger Industrieschule eingerichtet. Hier erhielten die Kinder Unterricht im Flachs-, Wolle- und Baumwollspinnen, sowie im Stricken. Diese Einrichtung ist der Vorläufer des heutigen Nadelarbeitsunterrichts. Der Unterricht in der Industrieschule war kostenlos, während sonst bis 1888 Schulgeld gezahlt werden musste. Im Jahre 1884 wurde dann die heute noch benutzte Schule gebaut und 1885 eingeweiht. Hatte bisher ein Lehrer die Oft zahlreiche Kinderschar unterrichtet, so wurde 1889 ein 2. Lehrer angestellt, der auch im Schulhaus wohnte. Die alte Schule diente von nun ab ganz als Dienstwohnung für den 1. Lehrer.
Anbruch der Neuzeit: Ablösung und Verkopplung
Zwei wichtige Gesetze leiteten die neuzeitliche Entwicklung der Landwirtschaft und auch unseres Dorfes ein: das Ablösungsgesetz von 1833 und das Verkopplungsgesetz von 1842. Nach ihnen wurden die Dienste, Abgaben und der Zehnte abgelöst, sowie die Neueinteilung der Feldmark durchgeführt.
Die Ablösung und Umwandlung der Dienste und sonstigen Abgaben ging schrittweise vor sich. Die von der Domäne Harste zu beanspruchenden Hand- und Spanndienste wurden 1859 abgelöst. Der Rechtsübergang vom Obereigentum der Grundherren zum freien bäuerlichen Besitz war allerdings mit erheblichen Geldzahlungen verbunden, für die aber die Landeskreditkasse einsprang. Die Zehntablösung wurde für Lenglern 1861 durchgeführt. Die Pflichtigen hatten dafür die Summe von 396 000 Talern aufzubringen. Bis zur Besitzergreifung Hannovers durch Preußen vor 100 Jahren, konnten die Höfe nicht geteilt oder Teile von ihnen veräußert werden. Dann trat die freie Verfügbarkeit über den Grundbesitz ein. Sie führte in einzelnen Fällen zur Aufgabe alter Bauernhöfe, deren Land von leistungsfähigen Landwirten zur Vergrößerung ihrer Betriebe angekauft wurde.
Die Verkopplung beseitigte 1877/78 die Zersplitterung des Besitzes in kleine und kleinste Teile. Die Besitzstücke wurden zu einer Masse vereinigt und danach jedem Beteiligten nach Verhältnis von Größe und Güte seines ursprünglichen Besitzes neu zugeteilt. Auch die vorher gemeinschaftlich genutzten Anger- und Weideflächen kamen in die Verkopplungsmasse. Nach der Neuverteilung wurden die einzelnen Feldstöcke größer und ließen sich durch die Anlage neuer Wege, die den Zugang zu jedem Ackerstück ermöglichten, besser bewirtschaften. Durch diese Neuverteilung fiel der Zwang zur gemeinsamen Bestellung der Gewanne fort, aber gleichzeitig zerfiel auch das bisherige Miteinander zu einem bloßen Nebeneinander der Nachbarn. Die Lockerung der Dorfgemeinschaft, die Wandlung von Brauchtum und Sitte und der sozialen Formen setzten ein. Andererseits ermöglichten die größeren und ohne Flurzwang zu bestellenden Felder die Einführung der Fruchtwechselwirtschaft und die günstigste Ausnutzung des Landes durch den Anbau der bestgeeigneten und wirtschaftlichsten Fruchtarten. Die Wirtschaft alten Stils, die nach Abzug der Lasten vornehmlich den eigenen Bedarf deckte, wurde mehr und mehr auf Geldumsatz umgestellt. Manche Betriebe spezialisierten sich auf Milcherzeugung, Getreide oder Hackfrüchte. Der Zuckerrübenanbau nahm bald eine bevorzugte Stellung ein. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen der Verkopplung, dürfen die Nachteile nicht übersehen werden. Durch die Beseitigung des alten Baumwuchses und die versäumten Neuanpflanzungen an Wegen und Rainen verursacht, machen sie sich in dem schnellen Austrocknen des Bodens und dem Anwachsen der Schädlinge bemerkbar; denn der Wind hat nun ungehinderten Zutritt und die natürlichen Feinde der Schädlinge, die Singvögel, finden keine Nistgelegenheiten mehr.
Als einziger Rest der alten genossenschaftlichen Bindungen blieb nur die Holznutzung der Reiheberechtigten in der Realgemeinde übrig, welche sich heute Forstgenossenschaft nennt. Sie trug ein Stück ältester dörflicher Tradition in die die mit ihren technischen Errungenschaften nach der Jahrhundertwende auch in unserem Ort Einzug hielt und das nunmehr tausendjährige Lenglern im 20. Jahrhundert stark verändert hat.
Quellennachweis
| Archivalien: | Gemeinde Lenglern: Dienstrezess 1772, Zehntablösung, Verkopplungsrezess. Pfarrarchiv Lenglern und Superintendenturarchiv Göttingen: Kirchbau 1780, Orgel-, Glocken-, Küsterhaus- und Schulakten. Kreisarchiv Göttingen: Erbregister 1655 (Abschrift). Stadtarchiv Göttingen: Schatzregister 1418, Kämmereireg. Schulchronik Lenglern. |
| Literatur: | Otto Fahlbusch, Der Landkreis Göttingen, Göttingen 1960. Erwin Steinmetz, Das Dorf Lenglern, Betr. zur Heimatkunde Süd-Niedersachsens, Heft 1, Göttingen 1952 (hier weitere Literatur) Herbert Mundhenke, Die Kopfsteuerbeschreibung der Fürstentümer Calenberg-Göttingen und Grubenhagen von 1689, Teil 7, Hildesheim 1965. |